"Bitte stimmen Sie für mich" - das war Boris Johnsons letzter Twitter-Aufruf an die britischen Konservativen. Er stammt vom 18. Juli. Da sollte die Tory-Wahl noch weitere vier Tage laufen. Aber wozu noch einmal einen großen Endspurt hinlegen? Einen Monat lang durften die 160.000 britischen Konservativen per Post über ihre neue Parteiführung abstimmen - und damit auch über den nächsten Premierminister. Die meisten hatten ihre Briefe wohl längst abgeschickt. Und überhaupt: Die Sache schien ohnehin schon lange gelaufen zu sein.

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Heft 30/2019
Wie Boris Johnson seine Landsleute gegen Europa aufstachelt

Am Montag, dem letzten Tag des Tory-Wettbewerbs, machte noch einmal eine Umfrage die Runde: Laut der Website Conservative Home favorisieren 73 Prozent der Parteimitglieder Boris Johnson, nur ein Bruchteil hätte lieber dessen Herausforderer Jeremy Hunt als Regierungschef. Sicher, Umfragen sind auf der Insel häufig fehlerhaft. Doch die Johnson-Werte bleiben seit Wochen stabil.

Wenn kein politisches Wunder passiert, wird er der neue Premierminister Großbritanniens.

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Bei Wahl von Boris Johnson: Diese Minister drohen mit Rücktritt

Jahrelang hat Johnson genau darauf hingearbeitet. An diesem Dienstag wird nun offiziell das Ergebnis des Basisentscheids verkündet. Und dann? Wie geht es weiter im Königreich? Was ist mit Johnsons Gegnern? Was passiert mit dem Brexit? Die wichtigsten Antworten.

Wie ist der Tory-Wahlkampf verlaufen?

Sollte noch irgendjemand Zweifel an Johnsons machttaktischer Durchtriebenheit gehegt haben, er wurde spätestens im Tory-Wettbewerb eines Besseren belehrt. Zehn Kandidaten stellten sich zunächst der Unterhausfraktion. Johnson lag von Beginn an vorne. Doch Abstimmungsrunde für Abstimmungsrunde schieden jeweils genau jene Bewerber aus, die ihm gerade gefährlich erschienen.

Der Favorit selbst legte trotz der schwindenden Konkurrenz mitunter nur so maßvoll zu, dass sich der Verdacht geradezu aufdrängte, dass Johnson seine eigenen Anhänger je nach Lage für bestimmte Kandidaten stimmen ließ, um andere aus dem Wettbewerb zu drängen.

Am Ende hatte Johnson mit Jeremy Hunt einen Gegner, der es zu keinem Zeitpunkt vor der radikalisierten Tory-Basis mit dem polternden Blondschopf aufnehmen konnte, insbesondere beim Brexit. Zwar hielten sich beide Kandidaten mit konkreten Ansagen zurück, doch der Eindruck blieb: Mit Johnson kommt der Brexit. Hunt, einst ein Remainer, würde im Zweifel zaudern.

Jeremy Hunt: Im Zweifel würde er zaudern
AFP

Jeremy Hunt: Im Zweifel würde er zaudern

Wie geht es jetzt weiter?

Brandon Lewis ist Chairman bei den Konservativen, ein Amt, das dem Generalsekretär in deutschen Parteien ähnelt. Er soll gegen Mittag zunächst eine kurze Ansprache halten, heißt es. Anschließend geben Vertreter des zuständigen 1922-Komitees der Unterhausfraktion den Wahlsieger bekannt.

Der Gewinner und künftige Premier könnte daraufhin ebenfalls das Wort ergreifen. Es wäre ein spannender Moment. Sollte Johnson tatsächlich triumphieren, dürften sowohl Anhänger als auch Gegner auf jede Silbe achten: Wem kommt er entgegen? Verschärft er nochmals den Ton?

Am Mittwoch dann schlägt zunächst noch einmal die Stunde von Johnsons Vorgängerin: Theresa May stellt sich ein letztes Mal den Fragen der Abgeordneten im Unterhaus, bevor sie zur Queen in den Buckingham-Palast fährt und formal ihren Rücktritt als Regierungschefin erklärt. Im Anschluss empfängt die Königin Mays Nachfolger.

Wer kann Johnson noch aufhalten?

Seit Wochen laufen hinter den Kulissen in Westminster Gespräche zwischen Johnson-Gegnern bei den Tories und der Opposition. Für einen Teil der Abgeordneten ist es unvorstellbar, unter dem Populisten Politik zu machen. Immer wieder ist von einem Misstrauensvotum gegen die Regierung die Rede, das Johnson zu Fall bringen könnte.

Boris Johnson: Drohung mit dem harten Brexit
WILL OLIVER/EPA-EFE/REX

Boris Johnson: Drohung mit dem harten Brexit

Zumindest theoretisch denkbar wäre das noch in dieser Woche - am Donnerstag, dem letzten Sitzungstermin vor der parlamentarischen Sommerpause. Doch wahrscheinlicher ist, dass die potenziellen Putschisten bis zum Herbst warten. Sollte Johnson dann tatsächlich auf einen harten Brexit ohne Abkommen drängen, könnten sie zuschlagen.

Ein Misstrauensvotum hätte mit etwas Vorlaufzeit wohl auch bessere Aussichten. Die Regierung verfügt derzeit noch über eine knappe Mehrheit von vier Stimmen. Doch Anfang August verlieren die Tories bei einer Nachwahl vermutlich einen Sitz. Dazu gibt es Berichte über konservative Abgeordnete, die zu den Liberalen abwandern wollen. Gut möglich, dass all das gegen Johnson reicht - selbst wenn einige Labour-Brexiteers für den Tory-Mann stimmen.

So oder so: Der Druck auf Johnson steigt schon jetzt. Seine größten Rivalen in der Regierung sind ihrem wahrscheinlichen Rauswurf bereits zuvorgekommen: Staatssekretär Alan Duncan erklärte am Montag seinen Rücktritt, Schatzkanzler Philipp Hammond und Justizminister David Gauke wollen es ihm am Mittwoch gleichtun. Weitere könnten folgen. Man muss die Rücktritte als Warnung sehen: Wer nicht mehr in der Regierung sitzt, ist frei, notfalls gegen die eigenen Leute zu stimmen.

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Was passiert mit dem Brexit?

Wenn nichts passiert, steigen die Briten am 31. Oktober aus der EU aus, egal wie. So ist die Rechtslage, denn dann läuft Brüssels Brexit-Frist für London ab. Klar ist aber auch: Die wenigsten wollen einen ungeregelten Bruch ohne Abkommen. Die EU nicht und Boris Johnson wahrscheinlich auch nicht.

Nur: Genau diese Drohung mit einem harten Brexit war zentraler Bestandteil in Johnsons Wahlkampf. Man werde Ende Oktober gehen, "komme, was wolle", hatte dieser den Hardlinern unter den Tories versprochen. Die entscheidende Frage ist, ob er dabei bleibt, wenn es hart auf hart kommt.

Zunächst einmal will Johnson aber mit der EU verhandeln. Den bisherigen Deal will er aufschnüren, vor allem die umstrittene Backstop-Regelung für die innerirische Grenze soll fallen. Allerdings hat die EU bislang jegliche Forderungen nach tiefgehenden Nachverhandlungen abgelehnt. Wie Johnson Brüssel nun umstimmen will, bleibt noch sein Geheimnis.